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Überragende Solisten und ein singender Busfahrer

Überragende Solisten und ein singender Busfahrer

Orchesterkonzert der Augustinerschule im Zeichen der deutsch-griechischen Freundschaft

In der fast bis auf den letzten Platz besetzten Heilig-Geist-Kirche zu Friedberg fand am vergangenen Donnerstag das alljährliche Orchesterkonzert der Augustinerschule statt. Zu diesem Höhepunkt des Schuljahres, das immer noch im Zechen des 475-jährigen Jubiläums des Gymnasiums steht, begrüßte Schulleiter Martin Göbler die Anwesenden, insbesondere die Ehrengäste inklusive seines Vor-Vorgängers Walter Kostron sowie des jahrzehntelang für das Orchester zuständigen Altmeisters Willi Stoll. In seinen Eingangsworten erinnerte er an die Griechenlandfahrt der jungen Musikerinnen und Musiker im Frühjahr, die für alle Beteiligten ein unvergessliches Erlebnis sowie ein Besuch „für Frieden, Freiheit und Menschlichkeit“ in Europa gewesen sei.
Musikalisch startete der Abend mit der schmissigen „Griechischen Suite“, einem bunten, von Volkhard Stahl arrangierten und dirigierten Potpourri bekannter Melodien, bei denen die einzelnen Instrumentengruppen hervorragend zur Geltung kamen. Besinnlich ging es weiter mit dem Lied „O Glyki mou Ear“, das in Griechenland in der Karwoche gesungen wird. Zu Gehör gebracht wurde es in der Heilig-Geist-Kirche von Kostas Menexes – dem Busfahrer aus Bad Homburg, der das Orchester in sein Heimatland und dort von Ort zu Ort gebracht hatte. Der von Stahl als „begnadeter Sirtaki-Tänzer“ vorgestellte Grieche überzeugte mit seiner getragenen und ausdrucksstarken Interpretation des Stückes, in dem das Leid der Jungfrau Maria, als sie den Leichnam Jesu sieht, thematisiert wird, und wurde dafür vom Publikum – und dem ihn begleitenden Ensemble – mit tosendem Applaus belohnt. Mit dem zurückhaltenden, leisen „O Kaimos“ endete der griechische Teil des Konzerts.
Nun stand Michael Ernst am Dirigentenpult und schwang den Taktstock zu Johann Christian Bachs Konzert für Viola und Orchester. Im Zentrum des Ganzen stand selbstverständlich Solist Joris Käfer, der sein beachtliches Können an der Bratsche demonstrierte. Der zweite und dritte Satz des Bachschen Konzerts zeigten sich in ihrer Gegensätzlichkeit als dankbar, um die Fähigkeiten des großgewachsenen Abiturienten zur Geltung kommen zu lassen, mal gefühlvoll, sanft und unaufdringlich, dann wieder energisch und kraftvoll.
Anschließend wandten sich die Augen der Zuschauer nach hinten und oben, denn der zweite Solist des Abends thronte hoch über allen: Claudius Köhs brillierte an der Orgel mit seiner Darbietung von Louis Viernes „Carillon de Westminster“ aus „Pieces de fantasie, 3e Suite“. Das hochanspruchsvolle Stück sorgte dafür, dass die Luft förmlich vibrierte, während unter dem voluminösen Klangteppich fast ständig das Glockenspiel des Big Ben zu erahnen war.
Allein den von Volkhard Stahl angeleiteten Bläsern gehörte dann einer der Rockmusik-Klassiker schlechthin, „Music“. Obwohl hier instrumental dargeboten, war von den Lippen vieler Zuhörerinnen und Zuhörer der Text des John Miles-Songs abzulesen.
Hochdramatisch ging es bei Antonin Dvoraks erstem Satz aus der „Sinfonie aus der ‚Neuen Welt'“ zu. Dieses kontrastreiche Stück, das besonders durch den Dialog der unterschiedlichen Instrumente auffällt, kann man getrost als bombastisch bezeichnen. Und auch wenn Dvoraks Werk in der Literatur explizit als „nicht-amerikanische“ Musik klassifiziert wird, hört man unterschwellig Melodien und Arrangements, die an die Soundtracks klassischer Westernfilme der 1950er- bis 70er-Jahre erinnern und diese womöglich beeinflusst haben.
Was folgte, war der Einsatz wohl eines der ungewöhnlichsten und mit Sicherheit eines der größten Instrumente in der langen, traditionsreichen Geschichte des Augustinerschul-Orchesters: des Marimbaphons. Die Abiturientin Clara de Groote studierte dieses – vereinfacht gesprochen – gigantische Vibraphon mit Holzklangstäben, das mit vier Schlägeln angeschlagen wird, schon während ihrer Oberstufenzeit als Jungstudentin an der Musikhochschule Berlin. An diesem Abend spielte sie Emmanuel Sejournés Konzert für Marimba und Streicher in zwei (sehe gegensätzlichen) Sätzen, und dies mit einer Virtuosität und Präzision, die vom begeisterten Publikum mit stehenden Ovationen gewürdigt wurden.
Johannes Brahms „Ungarische Tänze“ waren im Gegensatz zu jenem Werk im Lauf der letzten Jahrzehnte schon häufig auf Orchesterkonzerten gespielt worden und sind immer noch populär. Michael Ernst führte sein Ensemble durch fünf der insgesamt 21 Tänze, darunter auch der wohl bekannteste – Nummer fünf.

Ähnlich publikumswirksam gestaltete sich das furiose Finale, das mit Ronan Hardimans „Lord of the Dance“ erneut dem Bereich der populären Musik entstammte.
Dem schier nicht enden wollenden Beifall des begeisterten Publikums folgte als Zugabe noch der griechische Song „Sieben Lieder, die ich will“ sowie Blumensträuße für die verantwortlichen Lehrkräfte Volkhard Stahl und Michael Ernst und die Solo-Künstler. Sieben Abiturientinnen und Abiturienten sagten dem Orchester an diesem Abend Lebewohl und verabschiedeten sich wehmütig mit Worten voller Dankbarkeit, in denen deutlich wurde, dass die „Familie Orchester“ ihren Mitgliedern neben aller musikalischen Aus- und Weiterbildung auch „jahrgangsübergreifende Freundschaft“ schenke.

Heiko Weber

Fotos: Jan Badow (Event-AG der ASF)