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Überrascht vom übergangslosen Ende der eigenen Zeit an der Schule

Überrascht vom übergangslosen Ende der eigenen Zeit an der Schule

Was pensionierte Lehrkräfte so treiben: Dieter Heßler weiterhin umtriebig, lässt aber vieles langsamer angehen

Vor einem Jahr wurden an der Augustinerschule vier Lehrkräfte in den Ruhestand verabschiedet, die zusammen fast 100 Jahre am traditionsreichen Friedberger Gymnasium unterrichtet hatten. Dass darüber nicht berichtet wurde, ist fast ein Skandal und Grund genug, die nun schon fast als professionell zu bezeichnenden Pensionäre zu besuchen und sie zu fragen, was sie so treiben – und auch ihr Wirken an der Schule nachträglich zu würdigen.

Im vorletzten Kapitel der vierteiligen Mini-Serie geht es um Dieter Heßler: Der gebürtige Wetterauer machte sein Abitur an der heimischen Ernst-Ludwig-Schule, um dann sowohl an der Sporthochschule Köln als auch der Justus-Liebig-Universität in Gießen zu studieren. Nach dem Antritt seiner Stelle in Friedberg im August 1984 sollte er letztlich eine fast rekordverdächtige Anzahl von Fächern unterrichten: Sport, Geschichte, Politik und Wirtschaft sowie Ethik beziehungsweise Philosophie. Dass er philosophieren konnte, bestätigte er unter anderem auch in Konferenzen, wenn er eigene Redebeiträge mit den legendären Worten „Ich fasse mich kurz“ einleitete. Im Sportunterricht genoss es der ehemalige Regionalliga-Spieler speziell, seine Kenntnisse und Fertigkeiten in Volleyball weiterzuvermitteln – und er war in den 80er-Jahren mit der erste Lehrer an der Augustinerschule, der in der Oberstufe Theorieteile in dieses Fach einfließen und die Schüler Referate halten ließ.
Er engagierte sich weit über den Unterricht hinaus, beispielsweise war Heßler lange Jahre Vertrauenslehrkraft sowie Mitglied im Personalrat und der Schulkonferenz. Im Rahmen seiner Oberstudienratsstelle betreute er die Organisation der Praktika. Des Weiteren organisierte er Ausstellungen zur Geschichte der Schule sowie Friedbergs und anderen Themen, um nur einige Tätigkeitsbereiche zu nennen.

Überraschenderweise denke er heute sehr wenig an die Schule, was er selbst nicht gedacht habe. Natürlich vermisse er „den Kontakt mit netten Menschen“, was sowohl Kollegium und Schülerschaft einschließe, und ebenfalls die Erfahrung mit gelungenen Unterrichtsstunden. Die traditionell bei Lehrkräften nicht hoch im Kurs stehenden Korrekturen fehlten ihm keinesfalls, gleiches gelte für „unnötige Zusammenkünfte“ sowie die zahlreichen formalen und oft einengenden bürokratischen Vorgaben.
In der Gegenwart gehe er vieles betont langsamer an, was schon am Morgen mit dem Aufstehen und dem Frühstück beginne. Den Haushalt organisiere er mittlerweile „paritätisch“ mit seine Frau Tina, mit der er auch oft Fahrrad fahre oder spazieren gehe. Er lese recht viel – wenn auch nicht so viel, wie er im Vorhinein gedacht habe.
Vom Sport abgesehen habe er eigentlich keine Hobbys gehabt, die er mit einem höheren Maß an Freizeit hätte intensivieren können, weshalb er seit einem Jahr Vorsitzender des „Kulturforums Bad Nauheim“ sei, wo er in erster Linie populärwissenschaftliche Vorträge und Reisen organisiere. Des Weiteren engagiere er sich in einer Bürgerinitiative gegen das Neubaugebiet in Schwalheim.
Insgesamt sei er sehr überrascht gewesen, wie übergangslos das Ende seiner aktiven Schulzeit gewesen sei. Abschließend sagt er darüber: „Ich habe sehr viele und wichtige neue Eindrücke gesammelt und Ansichten gewonnen, habe schon einen ganz anderen Blick auf eine andere Welt“ – die des Pensionärs.

Heiko Weber